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Interview mit Kirsten Tackmann zum Naturschutz

1. Die Politik steht als Mittler zwischen den verschiedenen Interessen: Agrarbetriebe die Land bewirtschaften, Unternehmen, die auf eine Autobahn pochen, um besseren Anschluss an die Infrastruktur zu haben oder Naturschützer, deren der Erhalt der Vielfalt über alles geht. Wie geht die Politik damit, wie kommen Kompromisse zustande?

Tackmann: "Ein guter Kompromiss kann nur durch einen fairen Dialog entstehen. Leider sind wir davon oftmals weit entfernt, weil entweder Informationen fehlen, also Menschen überhaupt nicht mitbekommen, was wo passiert, oder weil Abläufe viel zu kurzfristig sind. Ein gutes Beispiel für einen fairen Interessensausgleich in einer Region könnte der LEADER-Ansatz in der EU-Förderpolitik bieten. Allerdings zeigt die Erfahrung in den LEADER-Aktionsgruppen, dass der partizipative Ansatz, also die Entwicklung von Ideen von unten und unter breiter Einbeziehung von regionalen Akteurinnen und Akteuren, nicht überall mit Leben gefüllt wird. Leider! Deshalb fordert DIE LINKE Regionalfonds, also die direkte Verfügungsgewalt über das Geld, damit Projekte entwickelt werden können, die wirklich im breiten Interesse der Region sind und nicht nur, weil irgendein Fördertopf zentral vorgegeben ist."

2. Hinter einem Tier wie dem Weißstorch stehen eine Menge Arten, die wichtig für den Erhalt der Biozönose sind, die lassen sich allerdings weniger gut vermarkten. Welche Gefahren lauern – wie am Beispiel Rühstädt – beim Storchentourismus? Wie kann man ihnen entgegnen.

Tackmann: "Das ist ein zweischneidiges Schwert. Einerseits ist es sicher unterstützenswert, wenn am Beispiel einiger populärer Tierarten – wie zum Beispiel dem Weißstorch – die Aufmerksamkeit der Bevölkerung auf Naturschutz und Artenschutzfragen gelenkt wird. Andererseits kann so ein Hype entstehen, ich denke da mit Grauen an Eisbär Knut zurück, dass weder den Tieren, noch dem Naturschutz geholfen ist. Dann verkommt die eigentlich gute Idee zu einer Jahrmarktsattraktion. Wir müssen in der politischen Argumentation darauf achten, dass klar wird, dass der Weißstorch für einen wertvollen Naturraum steht, der schützenswert ist, weil er nur dort geeignete Lebensbedingungen findet. Es geht also nicht um den Storch, die Kröte, den Eremiten, die Fledermaus, sondern um den Lebensraum, für den sie stehen."

3. Naturschutz ist ein Thema, dass nicht lokal entschieden werden kann und das mehr Zeit braucht, als zwei oder drei Legislaturperioden. Ist die gegenwärtige Praxis (Schaffung von abgeschlossenen Reservaten, Erhalt von Kernzonen)nicht zu kurzfristig?

Tackmann: "Naturschutzgebiete sind kein neues, aber ein wichtiges Thema. Dabei denke ich zum Beispiel voller Anerkennung an die Unterschutzstellungen des "Tafelsilbers der Deutschen Einheit" zurück, die die Grundlage für viele Nationalparks und Biosphärenreservate legte. Das ist schon 20 Jahre her. Solche Schutzgebiete, in denen der Mensch Zugang hat, aber Beschränkungen im Interesse des Naturschutzes verabredet werden, sind durchaus sinnvoll, weil Menschen durch die eigene Erfahrungen positive Effekte des Naturschutzes erleben und damit auch für diese Ziele gewonnen werden können. Allerdings macht es keinen Sinn, wenn diese wie Oasen in einer Wüste auf verlorenem Fuße stehen. Gebiete, die völlig abgeschlossen aus der Kulturlandschaft sich selbst überlassen werden und auch nicht betreten werden können (Totalreservate), sind aus meiner Sicht nur als Ausnahmen sinnvoll. Wir brauchen dringend auch einen integrativen Ansatz, der möglichst viel Naturschutz in der Fläche insgesamt zum Ziel hat und eine als Biotopvernetzung wirkende Verbindung auch auf den Äckern, Wiesen und in den Forsten. Das Verständnis dafür muss in einer Agrarstruktur, die vor allem unter wirtschaftlichen Aspekten entwickelt wurde und unter großem ökonomischem Druck steht, erst noch erarbeitet werden. Und für diese Leistung im Interesse der gesamten Gesellschaft muss auch ein zumindest partieller finanzieller Ausgleich geleistet werden. Bei diesen Diskussionen haben wir Agrarpolitikerinnen eine besondere Verantwortung!"

4. Wie hat sich Deiner Meinung nach das Verständnis für Naturschutz bei den Menschen in den letzten 20, 30 Jahren geändert? Hat es sich überhaupt geändert? Wenn ja, worauf führst Du das zurück?

Tackmann: "Der Naturschutzgedanke war in den 1990er Jahren nach meiner Wahrnehmung tiefer verankert in der Gesellschaft und ist durch die Debatte um den Klimawandel und die Knappheit verschiedener Ressourcen – also zum Beispiel Öl oder Wasser – in der Aufmerksamkeit der Bevölkerung nach hinten gerutscht. Es wird sicher auch als weniger existenziell wahrgenommen, als beispielsweise die Energiefrage oder eben die Erderwärmung. Betrachten wir ihn aber aus Sicht der Biodiversität, stellen also die Frage, was hat der Mensch von der Vielfalt der Natur, können wir sicher auch wieder mehr Menschen für den Naturschutz interessieren. Das UN-Jahr der biologischen Vielfalt ist sicher ein guter Anlass aufmerksam zu machen, wie dramatisch der Verlust an Arten und an Kulturpflanzen zum Beispiel in aller Stille erfolgt und wie wichtig es ist, politisch gegenzusteuern. Auch der Erhalt der genetischen Vielfalt (zum Beispiel alte Nutztierrassen) als mögliche Quelle für zukünftige Lösungsoptionen muss endlich stärker in das Bewusstsein der Gesellschaft gerückt werden."

5. Zuletzt noch eine Frage, oder besser Bitte, die ich auch dem Naturwacht-Ranger in Rühstädt gestellt habe: Wenn Du drei Wunschzettel schreiben dürftest, einmal an deine Politikerkollegen, einmal an den normalen Bürger und zuletzt an die Unternehmen. Was stünde drauf?

Tackmann: "Von der Politik würde ich mir wünschen, dass weniger von Nachhaltigkeit gesprochen und stattdessen mehr über wirklich nachhaltige Lösungen nachgedacht wird. Von den Bürgerinnen und Bürgern würde ich mir wünschen, dass sie sich aktiv in die Debatten einbringen. Im Verein, in der Kirche, in einer Partei, in der Kneipe, einfach überall. Und von den Unternehmen würde ich mir wünschen, dass sie sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst werden. Das bedeutet, dass sie Produkte herstellen, die sinnvoll sind, Ressourcen sparen und von Mitarbeiterinnen produziert werden, die ihren Job mögen und fair bezahlt werden."

Das Interview führte Fritz Habekuß (Uni Dortmund).