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Rede von Dr. Kirsten Tackmann (MdB) vom 25. 03.2010 zum Tagesordnungspunkt 16: Antrag Bündnis 90/DIE GRÜNEN: Anbau von gentechnisch veränderter Kartoffel Amflora verhindern Drucksache 17/1028

Sehr geehrte/r Frau/Herr Präsident/in, liebe Kolleginnen und Kollegen, verehrte Gäste,

ich wohne in einer traditionellen Kartoffel-Region – der Prignitz im Nordwesten des Bundeslandes Brandenburg. Aber unterdessen macht sich auch dort die Kartoffel immer mehr vom Acker, weil sich die Rahmenbedingungen verschlechtert haben.

Unterdessen freut man sich selbst in meiner Heimat über jedes Feld, auf dem mal nicht Mais, Raps oder Roggen, sondern Kartoffeln angebaut werden.

Und wir freuen uns in dieser schon immer armen Region über die Arbeitsplätze mit existenzsichernden Einkommen, die es immer noch in der Verarbeitung, zum Beispiel in zwei Stärkefabriken, gibt. Es sind jedoch deutlich weniger als früher.

Es gibt also gute Gründe für die Kartoffel zu kämpfen.

Ein Weg ist die erfolgreiche Entwicklung neuer Nutzungsmöglichkeiten für die Kartoffel selbst und die Nebenprodukte ihrer Verarbeitung. Bei meinem letzten Besuch in der Kyritzer Stärkefabrik vergangenen Sommer habe ich sehr interessante Ansätze kennengelernt.

Ein zweiter Weg ist die Vereinfachung der Verarbeitung.

Denn die Kartoffel enthält natürlicherweise zwei verschiedene Stärkeformen mit unterschiedlichen physikalischen Eigenschaften.

Die eine Stärke heißt Amylopektin. Sie bindet und klebt, wird also zum Beispiel zu Papier, Textilien oder Klebstoff verarbeitet. Die andere Stärke namens Amylose geliert. Beide müssen zur Verarbeitung mit großem Wasserverbrauch und Energieaufwand getrennt werden.

Eine Kartoffel, die fast nur Amylopektin enthält, ließe sich also effektiver und kostengünstiger verarbeiten. Außerdem würde Wasser und Energie gespart.

Die Idee, eine solche amylopektin-reiche Kartoffel zu entwickeln, ist also schlau aber längst keine Utopie mehr.

Unterdessen gibt es zwei solche Kartoffelsorten, die auf konventionellem Weg gezüchtet wurden. Die ersten 100.000 Tonnen einer dieser beiden Kartoffeln wurden im vergangenen Herbst in Kyritz verarbeitet.

Das Problem ist also auf einem unproblematischen Weg bereits gelöst.

Dabei wird der Evolution eben nicht ins Handwerk gepfuscht, wie mit der Agro-Gentechnik. Der Evolution wurde nur quasi ein Zeitraffer eingebaut.

Die BASF ist einen anderen Weg gegangen. Sie hat die Kartoffel agro-gentechnisch verändert, um die amylopektin-reiche Kartoffelsorte Amflora zu erzeugen, deren Verbot die Grünen heute beantragen.

Bei der Amflora wurde zum einen das kartoffeleigene Gen ausgeschaltet, das für die Amylose-Produktion verantwortlich ist. Zum anderen wurde ein Bakterien-Gen als Marker eingebaut, das die Kartoffel unempfindlich gegen mehrere Antibiotika macht.

Dazu gehören Kanamycin und Neomycin, zwei Antibiotika welche von der Weltgesundheitsorganisation als höchst bedeutsam eingestuft werden.

Kanamycin ist beispielsweise ein Reserveantibiotikum gegen multirestistente Tuberkulose.

Resistenzen gegen diese Antibiotika wären in der Humanmedizin eine Katastrophe. Einigen Menschen könnte bei einer Krankheit unter Umständen nicht mehr wie gewohnt geholfen werden.

Deshalb hatte die EU ja 2004 beschlossen, keine gentechnisch veränderten Pflanzen mehr zuzulassen, die resistent sind gegen Antibiotika, die bei Menschen oder Tieren angewandt werden.

Über diesen Beschluss hat sich die EU-Kommission jetzt mit der Zulassung der Amflora, also einer „Lex-BASF“, hinweggesetzt.

Für DIE LINKE stellt sich sehr ernsthaft die Frage: ist das damit verbundene Risiko wirklich verantwortbar, selbst wenn die EFSA mehrheitlich Entwarnung gegeben hat? Was ist, wenn die zwei Wissenschaftler/innen in diesem Gremium mit ihrer Minderheitenmeinung dennoch Recht haben? Die Zweifel an der Unabhängigkeit des Gremiums von der Agro-Gentechnik-Lobby existieren ja und es war immerhin das erste Mal, dass es überhaupt kritische Positionen dokumentiert wurden. Risikoverstärkend kommt hinzu, dass die Amflora nicht nur für den Anbau und die industrielle Verarbeitung zugelassen wurde, sondern auch als Futtermittel.

Und das ist keine theoretische Verwendung, denn der Reststoff der Stärkeverarbeitung – die so genannte Pulpe – wird oft als Futtermittel verwendet. Damit aber gelangt die gentechnisch veränderte Kartoffel indirekt auch in die Nahrungsmittelkette.

Und die Kartoffel ist ohnehin nicht kontrollierbar.

Zum Beispiel können nach Schätzungen je nach Witterungsbedingungen 10.000-35.000 Kartoffeln auf dem Acker zurückbleiben.

Und was passiert eigentlich, wenn Wildscheine diese Kartoffeln fressen?

Es gibt ein weiteres untrügliches Zeichen, dass selbst die EU-Kommission unterdessen weiß, dass eine Trennung zwischen konventionellen und gentechnisch veränderten Kartoffeln auf Dauer entweder nicht sicher ist oder zu teuer wird: sie hat gleich noch die Verunreinigung von Lebensmittel-Kartoffeln mit der Amflora bis zu bis 0,9% erlaubt. Also 9 von 1.000 Kartoffeln dürfen gentechnisch verändert sein und trotzdem kann die Ware als gentechnikfrei verkauft werden! Ob das im Sinne der Verbraucherinnen und Verbraucher ist? Ich wage es zu bezweifeln. Noch kritischer ist, dass die Bundesregierung nicht einmal bereit ist, die nötigen – und gesetzlich vorgeschriebenen – Regeln für den Anbau zu erlassen, die wenigstens ein Minimum an Schutz für die gentechnikfrei wirtschaftende Landwirtschaft herstellen könnten. Das zumindest hat mir die Bundesregierung gestern in der Fragestunde geantwortet.

Fazit: die Koalition und die EU-Kommission gehen ein hohes Risiko ein für eine gentechnich veränderte Kartoffel, die niemand braucht und niemand will.

Das ist vermutlich sehr gut für die BASF, aber schlecht für die gentechnikfrei wirtschaftende Landwirtschaft. Damit ist aber auch klar: Der Wille der Verbraucherinnen und Verbraucher ist für diese Koalition in dieser Frage ohnehin irrelevant.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

Anhang: alleredenamflora.pdf