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DISPUT-Artikel von Kirsten Tackmann und Wolfgang Gehrcke.

Vom Bombodrom-Widerstand lernen, heißt siegen lernen. Das klingt banal, ist es aber nicht. Wie so einige Bilder der vergangenen Wochen nicht stimmen. Die Zahl der selbsternannten Mütter und Väter des Protesterfolgs hat uns vor Ort dann doch überrascht. Obwohl wir wissen, dass nur die Niederlage ein Waisenkind ist. Geradezu beschwingt gratulierte Ministerpräsident Platzeck bei der (vorerst?) letzten Protest-Jubel-Wanderung in Sewekow zum Erfolg und klebte die Botschaft "Die Heide ist frei – 9. Juli 2009" auf das letzte der rund 200 aufgestellten Ortsein- und ausgangsschilder in der Region, die verkünden: "Diese Gemeinde wehrt sich gegen den Bombenabwurfplatz". Hunderte haben zugeschaut, bei denen das authentischer gewesen wäre. Aber Platzeck hat noch mehr Tatsachen absichtsvoll ausgeblendet. Zum Beispiel, dass der Verzicht auf den Tag genau 6 Jahre nach dem 9. Juli 2003 erfolgte, an dem der SPD-Verteidigungsminister einer rot-grünen Bundesregierung die Inbetriebnahme des Bombodroms anordnete, woran Barbara Lange vom Freien Himmel erinnerte.


Die 17 Jahre Widerstand gegen Kriegsübungen in der Kyritz-Ruppiner Heide waren alles andere als ein Spaziergang, auch wenn die regelmäßigen Protestwanderungen ein wichtiges, weil die unmittelbar Betroffenen vor Ort aktiv einbeziehendes politisches Mittel in der Auseinandersetzung waren. Der Verzicht wurde aber nicht geschenkt oder gewährt, sondern erzwungen! Und zwar gegen die jahrelange Verweigerung schwarz-gelber, rot-grüner und schwarz-roter Bundes- und Landesregierungen und Parlamentsmehrheiten! Die Atmosphäre war lange geprägt durch Versuche der Ausgrenzung, Anfeindung und Delegitimation. Pazifistische Spinnerei, Demotourismus und Vaterlandsverrat waren lange bediente Vorurteile. Und trotzdem wurde ein immer breiter werdendes (regionales Zweck-)Bündnis geschmiedet, das sich in einem scheinbar aussichtslosen Kampf gegen die Militärs und ihre politischen WegbereiterInnen durchgesetzt hat!


Gerade für DIE LINKE lohnt sich die Analyse, warum der Widerstand in der Kyritz-Ruppiner Heide erfolgreich war. Denn dieser Sieg taugt zum Kronzeugen, dass sich Einmischen und Widerstand lohnen, auch wenn es unglaublich lange dauert.


These 1: Ein identifikationsstiftendes Ziel war formuliert


Das Ziel war die Verhinderung des Tieffluglärms. Bei allen Unterschieden in der Motivation für diesen Willen wollten wir die Ruhe nicht wieder hegeben, die durch den Abzug der sowjetischen Truppen (unverhofft) entstanden war. Und auch die erneute militärische Besetzung dieses Stücks Heimat wollten viele verhindern.


These 2: Ein breites Bündnis wurde geschmiedet


Die Gründe zur Ablehnung des Bombodroms waren immer vielfältig und veränderten sich in den 17 Jahren Widerstand. Zu Beginn der 1990er Jahre konnten sich viele zum Beispiel gar nicht vorstellen, dass die Bundeswehr einmal weltweit im Kriegseinsatz sein würde. Es gelang aber, woran so viele scheitern: die Vielfalt der Argumente hat die Bewegung gestärkt. FriedensaktivistInnen, NaturschützerInnen, regionale UnternehmerInnen, UrlauberInnen und AnwohnerInnen haben sich nicht nur geduldet, sondern als MitstreiterInnen respektiert. Das war nie konfliktlos, aber die feste Klammer des gemeinsamen Ziels hat das gemeinsame Agieren nach Außen immer möglich gemacht. Weil klar war, dass wir gemeinsam siegen oder verlieren. Aber dieses Wissen blieb keine Theorie, sondern wurde konsequent ins Handeln umgesetzt. Es entstand eine sehr breite demokratische Mehrheit in der Region, deren Argumente auch Gerichte und Parlamentsmehrheiten zur Kenntnis nehmen mussten.


These 3: Der Widerstand war vor Ort verwurzelt


Politischer Erfolg braucht AkteurInnen und Strukturen. Es gab immer Identifikationsfiguren des regionalen Widerstandes. So den unvergessenen ersten Vorsitzenden der FREIen HEIDe, Helmut Schönberg, die "Großmutter der FREIen HEIDe", Annemarie Friedrich, oder Benedikt Schirge, den Sprecher der BI. Aber der Widerstand wurde immer von vielen Menschen getragen. Nach 2001 wurde der Reigen der Initiativen richtig bunt : Freier Himmel, Pro Heide, Pro Urlaub, bomb – o – dream, "Weiße Zone", "Bomben nein – wir gehen rein", Rosa Heide, Friedensinitiative Kyritz-Ruppiner Heide. Das Wachsen des Chores hatte Gründe, inhaltliche wie regionale. Er sang nun mehrstimmig, gelegentlich wurde es ein Kanon. Aber er sang immer das gemeinsame Lied! Es gab viele legendäre Mitmach-Aktionen. "Oben ohne", mit Pferden oder dem Boot ging es zum Beispiel zum Reichtag. Irgendwann sympathisierte auch die schweigende, inaktive Mehrheit mit dem aktiven Bombodromwiderstand.


These 4: LINKE wurde Teil der Bewegung


Die Initiativen haben sich immer als überparteilich verstanden. Es gehört zu den ebenso hartnäckigen wie falschen Mythen, dass Bürgerbewegungen links orientiert wären. Es hat viele Jahre intensiver politischer Arbeit der PDS/LINKEN gebraucht, bis Vorurteile ab- und Vertrauen aufgebaut waren. Das ist manchmal ungerecht, denn sie war all die Jahre die verlässliche Unterstützerin auf allen Ebenen, ob auf der Straße, im Parlament oder in Regierungsverantwortung. Gerade die Verbindung des Protestes mit den Parlamenten war eine wichtige Funktion und hat nicht unwesentlich dazu beigetragen, dass sich die anderen Parteien positionieren mussten. Zunächst auf kommunaler Ebene, dann in den Landtagen der betroffenen Länder und ganz zum Schluss auch im Bundestag. So wurde die LINKE zum festen Bestandteil des Widerstandes. Die Fähigkeit zum klugen Verzicht auf Selbstprofilierung, wenn sie dem gemeinsamen politischen Ziel nicht dient, war eine wichtige Grundlage im Bündnis.

Der Kampf um die friedliche Zukunft der Kyritz-Ruppiner Heide ist noch nicht zu Ende. In der kommenden Debatte wird sich zeigen, ob die

These 5 stimmt: der Widerstand gegen die Kriegsübungen hat in dieser dünn besiedelten Region politisch mehr Spuren hinterlassen, als "nur" das Bombodrom verhindert.


Und die LINKE bleibt auch mit Blick nach Nordhorn, Siegenburg und in die ganze Welt dabei: kein Bombodrom. Nirgends.

Die DISPUT-Ausgaben finden Sie hier.