alt= alt= alt=

START  |  AKTUELLES  |  PRESSE   |  ZUR PERSON   |  FOTOSTRECKE  |  KONTAKT

Rede Dr. Kirsten Tackman, MdB DIE LINKE zur Gedenkveranstaltung Todesmarsch Belower Wald am 19. April 2013

Es gilt das gesprochene Wort.

 

„Anrede,

ich bin heute nicht zum ersten Mal hier in der Todesmarschgedenkstätte Belower Wald und war auch schon mehrfach beim  Marsch des Lebens dabei.

Und dennoch ist es für mich immer wieder tief bewegend, hier den hektischen Alltag zu unterbrechen, innezuhalten und mir die Situation im April 1945 im historischen Wald vorzustellen.

Hier bekommen die faschistischen Verbrechen eine reale Dimension menschlichen Leids, die nüchterne Fakten allein kaum beschreiben kann.

Hier ahnt man, was die 16.000 Häftlinge des KZ Sachsenhausen in diesem provisorischen Waldlager zwischen dem 23. und dem 29. April 1945 durchleiden mussten. Umstellt von SS-Wachmannschaften und hinter Stacheldraht eingepfercht. Ohne Nahrung oder Schutz. Ständig vom Tod bedroht – durch Erschießen oder Verhungern.

Dabei hatten die Häftlinge bereits ein Martyrium hinter sich. Erst im KZ, wo sie Monate oder Jahre gequält, entrechtet und ausgehungert wurden. Dann auf dem Todesmarsch, auf den sie mit 30.000 anderen KZ-Insassen, darunter Frauen und Kinder, nach der Räumung des KZs Sachsenhausen am 21. und 22. April 1945 von der SS auf der Flucht vor der herannahenden Roten Armee nach Nordwesten getrieben wurden.

200 km haben die Überlebenden zu Fuß zurückgelegt, bevor sie zwischen dem 2. und 4. Mai von sowjetischen oder amerikanischen Truppen befreit wurden. Tausende starben auf diesem Marsch. So kurz vor dem Ende der faschistischen Schreckensherrschaft und des 2. Weltkrieges.

Die eindrücklichste Geschichte erzählen hier die Bäume, an deren Rinde teilweise noch heute Spuren von damals zu sehen sind. Wie verzweifelt müssen Menschen sein, wenn sie mit bloßen Händen versuchen, Rinde von den Bäumen zu kratzen, um nicht zu verhungern.

Immer wieder stellen sich mir Fragen: Wie konnten Menschen anderen Menschen so etwas anzutun? Wie konnten Menschen so etwas dulden? Denn dieser Todesmarsch war keine Nacht- und Nebelaktion im Niemandsland, sondern führte durch Städte und Dörfer unserer Region.

Aber vergessen wir nicht: es geht nicht nur um ein persönliches Versagen der Täterinnen und Täter. Es geht um die faschistische Ideologie, die unmenschliches Verhalten zur Norm einer Herrenrasse machte, um ihre Machtansprüche in der Welt durchzusetzen.

Deshalb ist Faschismus eben keine Meinung, sondern ein Verbrechen. Deshalb muss eine faschistische Partei wie die NPD verboten werden, auch wenn dieses Verbot die Auseinandersetzung mit der alltäglichen Intoleranz und Fremdenfeindlichkeit selbstverständlich nicht ersetzen kann.

Angesichts der unvorstellbaren Grausamkeit, die Deutsche begangen oder durch Wegschauen geduldet haben verneige ich mich tief vor Ihnen, liebe Überlebende und ihren Angehörigen. Ihre Bereitschaft, nach alldem unser Land und diesen Ort erneut zu betreten, ist eine große Geste der Menschlichkeit, für die ich Ihnen ausdrücklich danke.

Sie geben damit uns Nachgeborenen gleichzeitig einen politischen Auftrag: die Frage nach dem „Warum“ immer wieder zu stellen, damit daraus ein unumkehrbares „Nie wieder“ werden kann.

Dieser Schwur von Buchenwald erfüllt sich nicht von selbst, sondern muss Tag für Tag aufs Neue im Alltagsbewusstsein verankert werden.

Denn der Schoß ist fruchtbar noch.

Das zeigen die beiden Anschläge auf diese Gedenkstätte von 2002 und 2008, für die leider nur im zweiten Fall Täter ermittelt und verurteilt wurden.

Dabei ist gerade bei solchen Straftaten eine konsequente Suche und Bestrafung der Schuldigen wichtig. Das zeigt die NSU-Mordserie. Es ist doch ebenso unvorstellbar wie inakzeptabel, dass ein Neonazi-Trio mit Helfershelfern 13 Jahre lang mordend durch unser Land ziehen kann. Unter den Augen des Verfassungsschutzes und staatlicher Ermittlungs- und Strafverfolgungsbehörden. Seit Monaten versucht ein Untersuchungsausschuss im Bundestag herauszufinden, wer mit politischer Naivität, wer mit Ignoranz oder wer gar mit Absicht weggeschaut und damit zum Tod von 10 Menschen, davon 9 mit Migrationshintergrund, beigetragen hat. Und wie entsetzlich, dass den Opfern und ihren Familien wie selbstverständlich kriminelle Strukturen unterstellt wurden.

Deshalb ist die Wachsamkeit und der Widerstand gegenüber Intoleranz und Rassismus im Alltag so wichtig.

Wir können stolz darauf sein, dass sich in unserer Region gerade so viele junge Leute gegen Faschismus engagieren und sich Nazi-Provokationen und Aufmärschen konsequent entgegenstellen. Genannt sei hier z. B. das Neuruppiner MittenDrin, das auch alljährlich in Ravensbrück ein Workcamp durchführt, um z. B. das so genannte Siemenslager endlich zugänglich zu machen.

Und es ist auch gut dass wir nach vielen Debatten ein Konsens in der Region gefunden haben, der unterschiedliche Formen des Widerstands akzeptiert.

Auch dem Bürgerbündnis in Wittstock sei für seine engagierte ehrenamtliche Arbeit, die nicht immer leicht ist, heute einmal ausdrücklich gedankt.

Und auch diese Gedenkstätte hier im Belower Wald ist sehr wichtig. Ich danke der engagierten Arbeit der Leiterin Carmen Lange und ihrer Mitstreiterinnen und Mitstreitern. Sie haben mit der umfangreichen Umgestaltung mit Unterstützung aus Bund, Land und Kommune ein gutes Konzept gefunden, um Erinnerung und politische Bildung zu integrieren.

Auch die wertvolle Arbeit des „Freundeskreis der Gedenkstätte Todesmarsch“ sei hier ausdrücklich erwähnt. Da er noch viel Unterstützung gebrauchen kann, würde ich heute gern Mitglied werden. Flyer dafür liegen übrigens aus.

Es ist gut, dass hier nicht der Zeigefinger belehrend erhoben wird. Im Mittelpunkt steht das gemeinsame Nachdenken mit den Besucherinnen und Besuchern darüber, was wir aus unserer Geschichte lernen können. Damit die Opfer nicht umsonst waren.

Gerade angesichts der sich aktuell auch in Europa zuspitzenden Konflikte zwischen Menschen, Staaten oder Völkern mahnt uns der Belower Wald: Lösungen können nur in einem demokratischen, toleranten und friedlichen Prozess gefunden werden.

Damit das auch im Bundestag nicht vergessen wird, habe ich 2006 Erde aus dem Belower Wald für ein Kunstobjekt in einem der Innenhöfe im Reichstagsgebäude mitgenommen. Es ist ein Beet mit dem Schriftzug „Der Bevölkerung“.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.“