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Die Skepsis gegenüber einer Welt zwischen 0 und 1 ist greifbar. Wie sie aussehen könnte, ist in „Quality Land“ von Marc-Uwe Kling nachzulesen. Das ist sehr amüsant, aber das Lachen bleibt einem öfter im Halse stecken. Aus LINKER Sicht muss sowohl über Chancen als auch Risiken der Digitalisierung diskutiert werden. Und über die Frage: wem nutzt es?

Natürlich sind viele Wohltaten einer vernetzten Präzisionslandwirtschaft vorstellbar oder schon real. Aber lösen die Hightec-Träume wirklichen die Ursachen der Probleme? Zwei Beispiele: Natürlich können mit einer präziseren Ausbringung von Düngemitteln Boden und Gewässer besser geschützt und knappe Rohstoffe wie Phosphor gespart werden. Das eigentliche Problem ist aber, dass regional viel zu viel Gülle anfällt und entsorgt werden muss, statt damit zu düngen. Anderes Beispiel: Natürlich ist es gut, wenn sich Imkerei und Landwirtschaft auf online-Plattformen vernetzen für Informationen, wann, wo und welche bienenschädlichen Pflanzenschutzmittel eingesetzt werden. Aber an den Schäden für wildlebende Insekten ändert das gar nichts! Also: Potenzial hat die Digitalisierung, sie ist aber oft höchstens eine Teillösung.

Das gilt auch für das Potenzial, monotone oder körperlich schwere Arbeit zu übernehmen. Ja, warum soll nicht das tagelange Auf- und Abfahren zum Säen, Ernten etc. durch autonome Fahrtechnik übernommen werden? Erst Recht, wenn eine Drohne mit Wärmebildkamera sichert, dass zum Beispiel keine Rehkitze auf der Fläche liegen. Und natürlich ist Melken eine körperlich schwere Arbeit, für die technische Entlastung willkommen ist. Nur – auch einer Tierärztin stellt sich die Frage: was ist, wenn NUR noch Algorithmen die Entscheidungen treffen? Haben Roboter im 0–1–Modus die komplexe Wahrnehmung, die zum Beispiel zur Betreuung von Tieren notwendig ist? Wer übernimmt die soziale Verantwortung für die Beschäftigten, die durch teure Technik ersetzt werden?

Wie soll die teure Technik bezahlt werden? Viele Landwirtschaftsbetriebe sind doch schon jetzt immer abhängiger von Banken. Der Druck durch landwirtschaftsfremde Investoren wird doch noch existenzbedrohlicher, wenn teure Technik gekauft werden muss, aber die Erzeugerpreise die Kosten schon vorher nicht decken! Die Landwirtschaft erarbeitet doch schon jetzt die Profite der übermächtigen Saatgut-, Schlachthof- oder Handelskonzerne und der Bodenspekulanten. Soll nun die Ausbeutung durch Landtechnikkonzerne dazukommen? Und wenn Landtechnik- und Pflanzenschutzkonzern gemeinsam eine kostenlose App anbieten, braucht man dann nicht nur 0 und 1 zusammenzuzählen, welche Produkte die App empfiehlt?

Diese Konzern-Vernetzungen sind zudem Datenstaubsauger XXL, deren Strukturen oft auch noch verschleiert werden. Kurzum: Es werden klare gesetzliche Regelungen gebraucht, die Transparenz und Datenhoheit für die Betriebe sichern! Natürlich müssen die verpflichtend und kontrollierbar sein! Und auch Aus- und Weiterbildung muss einen neuen Stellenwert bekommen und finanziert werden!

Für kooperatives Arbeiten in der Landwirtschaft zum Beispiel ist die Digitalisierung eine echte Chance. Für ihre Vernetzung untereinander, aber auch mit regionalen Verarbeiterinnen und Vermarktern. Ein sozial und ökologisch kluges Konzept wird also leichter realisierbar und gleichzeitig ist das eine kluge Gegenstrategie gegen die Konzernübermacht! Also: nutzen wir die Chancen und begrenzen die Risiken! Bei der Digitalisierung darf es nicht um eine reine Technologiedebatte gehen. Wir brauchen dazu eine gesellschaftspolitische Verständigung! Mit dem Grundsatz: Digitalisierung muss vor allem der Gesellschaft nutzen, nicht den Konzernen. Auch in der Landwirtschaft.