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Auch die Lebensmittelerzeugung ist der kapitalistischen Verwertungslogik unterworfen. Statt sich an der sicheren Versorgung einer gesunden Bevölkerung zu orientieren, geht es darum, wie viel Geld damit verdient werden kann. Wir brauchen ein Wirtschaftssystem, in dem Lebensmittel wertgeschätzt und nicht im Zweifel sogar als Sonderangebot verramscht werden. Anreize für überflüssige Produktion müssen beseitigt, Resteverwertung unterstützt werden.

Kirsten Tackmann war Ende März 2019 bei der Pritzwalker Tafel – mit der Leiterin Marlies Müller

Zu marktorientiert für die Tonne – Lebensmittelverschwendung ist Zeichen des nötigen Systemwechsels

von Kirsten Tackmann

Bis 2030 will die Bundesregierung die aktuell 11 Millionen Tonnen Lebensmittel halbieren, die pro Jahr in deutschen Mülltonnen landen. Ein wichtiges Ziel. Allerdings wird der Fehler immer noch zu oft auf der falschen Seite der Ladentheke gesucht. Niemand, schon gar nicht DIE LINKE, hat etwas gegen aufgeklärte Verbraucherinnen und Verbraucher als Verbündete im Kampf gegen Lebensmittelverschwendung. Und es ist gut, dass unterdessen auch das BMEL zumindest die gesamte Wertschöpfungskette in den Blick nimmt. Aber immer noch ist die Gewichtung falsch, wenn der Privathaushalt als Haupttatort angesehen und die Verluste auf dem Feld und zur Verarbeitung weitgehend ausgeklammert werden. Es reicht auch nicht, die unverkauften Lebensmittel statt zu entsorgen an Bedürftige verteilen zu wollen, denn auch ihre Produktion hat die begrenzte Ressource Boden und Wasser genutzt, hat das Klima belastet, wie auch ihre Verarbeitung, ihr Transport und ihre Lagerung. Wer wirklich etwas ändern will, muss ans gesamte System ran.

Die Lebensmittelerzeugung misst sich eben nicht daran, was zur sicheren Versorgung einer gesunden Bevölkerung gebraucht wird, sondern daran, wie viel Geld damit verdient werden kann – koste es was es wolle. Auch Lebensmittel unterliegen dem Wachstumsdogma und der kapitalistischen Verwertungslogik. Von für die vielen Singlehaushalten zu großen Verpackungsgrößen oder Riesen – Portionen in Restaurants z. B. profitieren vor allem die Anbietenden. Was weggeworfen wird, bezahlen wir alle mit.

Wir brauchen ein Wirtschaftssystem, in dem Lebensmittel wertgeschätzt und nicht im Zweifel sogar als Sonderangebot verramscht werden. Anreize für überflüssige Produktion müssen beseitigt, Resteverwertung unterstützt werden. Es wäre ein Gebot des Respekts gegenüber den Nutztieren, sie vollständig zu verwerten statt nur Edelteile zu nutzen. Lebensmittel dürfen nicht nach marktkonformen Ästhetik- und Logistikzwängen aussortiert werden.

Eine strategische Ausrichtung auf regionale Verarbeitung und Vermarktung würde auch mehr Wertschöpfung bedeuten, also den ortsansässigen Landwirtschaftsbetrieben und den ländlichen Räumen nutzen. Da Transportkosten lächerlich gering sind, weil Umweltkosten nicht einbezogen und die nötige Straßeninfrastruktur mit Steuern bezahlt werden, wächst das Überangebot in den Supermärkten, deren zentrale Belieferung unterdessen oft weltweit organisiert wird. Die ständige Verfügbarkeit des gesamten Sortiments tut ihr Übriges. Um den finanziellen Verlust möglichst gering zu halten, wird auch die Abgabe an karitative Einrichtungen genutzt. Natürlich ist das immer noch besser als die Lebensmittel zu entsorgen. Nur sollte sich ein reiches Land wie Deutschland dafür schämen, dass Menschen auf diese Einrichtungen angewiesen sind und es ist geradezu zynisch, das als Kampf gegen die Lebensmittelverschwendung zu feiern. Zumal die Menschen, die sich in diesen Einrichtungen engagieren, oft prekär beschäftigt oder im Ehrenamt tätig sind und hohe Hürden überwinden müssen, um zur Aufrechterhaltung des Sozialsystems beitragen zu dürfen. Das ist absurd. Hier wird wenigstens das Bekenntnis gebraucht, dass diese Arbeit dringend gebraucht wird und selbstverständlich Anständig bezahlt werden muss – und zwar verlässlich und ohne ständig neue Maßnahmen beantragen oder Geldquellen suchen zu müssen. In der vergangenen Woche konnte ich mich persönlich in der Pritzwalker Tafel von der schwierigen personellen und finanziellen Situation  überzeugen und engagierte Mitmenschlichkeit erleben. Diesen Menschen haben mehr Unterstützung verdient als ab und zu anerkennende Worte in Sonntagsreden.

Frankreich war vor drei Jahren das erste Land weltweit, das die Lebensmittelverschwendung offiziell unter Strafe gestellt hat. Vielleicht kein Zufall, denn dieses Land gehört sicher zu den Ländern, in denen Essen ein Kulturgut und nicht nur Nahrungsaufnahme ist. Tschechien hat unterdessen nachgezogen. Das Bundesagrarministerium setzt dagegen mal wieder auf Freiwilligkeit. Und nicht nur das: statt Lebensmittelrettung verlässlich finanziell zu unterstützen werden Lebensmittelrettende kriminalisiert. „Containern“ wird mit scheinheiligen Vorsorge- und Eigentumsbegründungen diffamiert. Die LINKE fordert hier konsequentes Umdenken!

Dass nun mal wieder auf die freiwilligen Selbstverpflichtungen handelnder Akteure gesetzt wird aus fehlendem politischem Mut für eine gemeinwohlorientierte Politik ist aufgrund der fehlenden Erfolge in allen anderen Bereich ernüchternd. Da helfen auch prestigeträchtige Preisverleihungen nichts, wenn die besten Helfer_innen freiwillige Foodsharing-Organisation und unterfinanzierte Ehrenämter in Tafeln sind.