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Tagesordnungspunkt 42: Beratung der Beschlussempfehlung und des Berichts des
Ausschusses für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (10. Ausschuss) zu dem Antrag der Abgeordneten Dr. Kirsten Tackmann, Dr. Dietmar Bartsch, Herbert Behrens der Fraktion DIE LINKE.

Welchen Stellenwert hat die Agrarforschung heute in Deutschland? Ist politisch genug passiert, um diesen aus unserer Sicht immens wichtigen Bereich angewandter Forschung weiter zu entwickeln und angesichts aktueller Entwicklungen und absehbarer Erfordernisse zu stärken?

Aus Sicht der LINKEN waren die vier Jahre schwarz-gelb vier verlorene Jahre. Zumindest in Parlament und Regierung. Die Agrarwissenschaften haben sich zum Glück selbst auf den Weg gemacht. Nicht ganz ohne finanzielle Unterstützung des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV). Aber der Einstieg und die Fortführung wären mit konsequenter politischer Unterstützung sehr viel leichter.

Die Notwendigkeit starker Agrarwissenschaften liegt auf der Hand. Zur Lösung globaler Probleme wie beispielsweise der Hungerbekämpfung bei gleichzeitigem Wachstum der Bevölkerung. Oder um dem zunehmenden Wassermangel, dem Verlust an Bodenfruchtbarkeit und der Zerstörung land- und forstwirtschaftlicher Flächen, dem Rückgang biologischer Vielfalt und den sozialen und ökologischen Folgen der Globalisierung der Agrarmärkte zu begegnen.

Aber auch zur strategischen Ausrichtung der einheimischen Landwirtschaft  werden die Agrarwissenschaften zu einem Schlüsselelement.

In Europa stellen sich drängende Fragen für die Land-, Forst- und Ernährungswissenschaft. Dazu gehören die Auswirkungen des Klimawandels, des Verlusts an Flächen und Bodenfruchtbarkeit, an biologischer Vielfalt auf und neben den Äckern sowie im Stall, die Auswirkungen des Bevölkerungsrückgangs in den ländlichen Räumen bzw. politische Instrumente zur Gegensteuerung, steigende Risiken für die Lebensmittelsicherheit durch globale Personen- und Warenströme, Umweltgifte, Nahrungsergänzungs-, Konservierungs- und Farbstoffe oder auf den Menschen übertragbare Tierkrankheiten und Lebensmittelvergiftungen. Die in Europa, aber auch weltweit betriebene Deregulierung der Agrarmärke führt zu steigendem ökonomischen Druck auf die Landwirtschaftsbetriebe. Durch eine schlechte Marktposition gegenüber Oligopolen der Verarbeitungsindustrie und des Lebensmittelhandels wird dieser Druck verstärkt.

Es gibt eine Vielzahl neuer oder sich zuspitzender Herausforderungen an die Landwirtschaft. Die lösen sich nicht so nebenbei, sondern müssen wissenschaftlich bearbeitet werden. Die Fragen sind für das gesamte Gesellschafts- und Wirtschaftssystem existenziell. Daher müssen die Agrarwissenschaften durch Politik und Gesellschaft viel stärker gewichtet werden, als das bislang der Fall war. Genau das will DIE LINKE mit dem Antrag erreichen.

Wir fordern von der Bundesregierung die Vorlage einer Strategie zur künftigen Entwicklung der Agrarwissenschaften, die über das hinaus geht, was bisher geschah.

Die einseitige Ausrichtung der deutschen Agrarforschung auf Exzellenzkonzepte, auf Bioökonomie und die Bevorzugung von Hightech-Strategien sind weder der Situation in den Industriestaaten noch den internationalen Herausforderungen und der Verantwortung Europas für die eine gerechte Welt angemessen. Hier ist aus unserer Sicht die Forschungspolitik der Bundesregierung auf dem falschen Dampfer. Der für den Agrarbereich vor einigen Jahren gegründete Bioökonomierat repräsentiert mehr die Interessen der Agrarindustrie, als dass von ihm ein substanzieller Beitrag zu den vorher beschriebenen Herausforderungen erwartet werden kann. Die Bioökonomiestrategie degradiert die Landwirtschaft zum Rohstofflieferanten.

In diesem Zusammenhang passt ins Bild, dass die Bundesregierung bis heute nicht bereit ist, den von über 500 internationalen Expertinnen und Experten erarbeiteten Weltagrarbericht zu unterschreiben und die Fortsetzung dieser interdisziplinär breit  ausgerichteten Arbeit des Weltagrarrats angemessen zu unterstützen.

Als unverhoffter Lichtblick hat sich die Gründung der Deutschen Agrarforschungs- Allianz (DAFA) erwiesen. Ich habe das zunächst mit viel Skepsis gesehen, habe mich aber schnell davon überzeugt, dass damit ein Schritt in die richtige Richtung  getan wurde, der nun politisch verlässlich und bedarfsgerecht begleitet werden muss. In dem Gespräch der DAFA mit dem Ausschuss für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz des Bundestags vor zwei Wochen wurde deutlich, dass die DAFA finanziell eher auf wackeligen Beinen steht. Hier ist eine solide Verstetigung der Arbeit gefordert. Immerhin könnte aus unserer Sicht die DAFA in der Agrarforschungslandschaft dauerhaft eine Position gewinnen, die unseren Vorstellungen einer besseren Koordinierung und Vernetzung der deutschen Agrarforschung entspricht. Das muss politisch – auch von Seiten der Bundesländer – gewollt und unterstützt werden.

Es ist klar, dass hier noch eine Menge Arbeit geleistet werden muss. Die Aufträge dazu haben wir in unserem Antrag zur Stärkung der Agrarwissenschaften in Deutschland ausführlich erläutert.

Mit Ihrer Zustimmung zu diesem Antrag würden Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen, ein sehr wichtiges Signal senden. Also, geben Sie sich doch mal einen Ruck. Am Ende der Wahlperiode kann man doch mal parteipolitische Erwägungen hinten anstellen und in der Sache entscheiden. Die Agrarwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler hätten diese Unterstützung verdient!

Hier lesen Sie die gesamte Debatte: 130627_Debatte_Agrarwissenschaften_17250