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Vor dem Hintergrund des Bayerischen Volksbegehrens Artenvielfalt bzw. „Retten die Bienen“ denkt Kirsten Tackmann darüber nach, was sich ändern muss – an einem System, das auf Kosten von Mensch und Natur funktioniert und dessen Profiteure nicht auf Wiesen und Äckern oder in Ställen arbeiten, sondern in den Konzernzentralen von Saatgut-, Verarbeitungs- oder Handelsunternehmen.

Damit es weiter summt, krabbelt und bestäubt

von Dr. Kirsten Tackmann

Die Biene wird mehr und mehr zum Symbol im Kampf für mehr Naturschutz und den Schutz der biologischen Vielfalt. Das Volksbegehren Artenvielfalt oder auch kurz „Rettet die Bienen“ in Bayern unterzeichneten mehr als 1,7 Millionen Unterstützerinnen und Unterstützer –  fast jede fünfte Unterschriftsberechtigte. Das sind so beeindruckend viele, dass selbst die Bayrische Staatsregierung beginnt, Angebote für mehr Artenvielfalt in einem verbesserten Naturschutzgesetz zu machen. Wie diese genau aussehen, darüber wird nun an einem Runden Tisch diskutiert. Die Forderungen der Initiatorinnen und Initiatoren des Volksbegehrens sind so vielfältig wie die Ursachen und Lösungen des Problems: Der Ökolandbau soll von 10 auf 30 Prozent wachsen in Bayern, Uferrandstreifen von 5 Metern Breite sollen durchgehend eingerichtet werden, Lebensräume für Wildtiere und Pflanzen wie Hecken, Feldgehölze und Säume sollen geschützt und vermehrt, Wiesen nicht mehr nach dem 15. März gewalzt werden. Das würde übrigens nicht nur den Krabbeltieren helfen, sondern auch vielen anderen bedrohten Arten in der Agrarlandschaft.

Auch 2013 protestierten Bienen vor dem Kanzleramt. Mit dabei Kirsten Tackmann (rechts).

Diese Forderungen dienen dem Erhalt und der Förderung von Lebensräumen und finden auch in der LINKEN Unterstützung. Wichtig ist uns, die Landwirtinnen und Landwirte als Verbündete zu gewinnen. Das heißt, sie nicht nur in die Verantwortung für das Symptom Insektenschwund und in die Pflicht für die Lösung des Problems zu nehmen, sondern ihnen Unterstützung zu geben für die Bekämpfung der Ursachen der Probleme. Dazu gehören zwingend faire Erzeugerpreise für nachhaltige Landwirtschaft, aber auch umfassende Beratung und angemessene Anreizfinanzierung. Dabei geht es auch nicht nur die Förderung von ökologischen, sondern auch von sozialen Maßnahmen im Betrieb. Außerdem muss DIE LINKE immer wieder darüber aufklären, dass eigentlich das System verändert werden muss, das auf Kosten von Mensch und Natur funktioniert und dessen Profiteure nicht auf Wiesen und Äckern oder in Ställen arbeiten, sondern in den Konzernzentralen von Saatgut-, Verarbeitungs- oder Handelsunternehmen. Wenn den Konzernspitzen von Nestle & Co Umsatzrenditen von 18% nicht mehr ausreichen, dann ist Widerstand Pflicht – für die dort Beschäftigten genauso wie für die Landwirtschaft und die Natur. Denn auch landwirtschaftliche Arbeit wird für diese Profitgier einiger weniger Großkonzerne ausgebeutet. Das ist Ergebnis der Politik der Bundesregierung und der sie stützenden Fraktionen. Dieser Systemfehler bedeutet Minimierung der Lohnkosten und Produktion von immer mehr, immer billigere Produkte – ein Teufelskreislauf.

Aber es darf auch nicht nur um die Honigbienen gehen, auch wenn sie eine wichtige Bestäuberfunktion wahrnehmen und mit dem Honig ein gesundes Lebensmittel produzieren. Es muss auch um die vielen anderen bestäubenden Insekten gehen und die vielen für das Ökosystem wichtigen Krabbler, auch wenn sie nicht direkt dem Menschen nutzen. Honigbienen, und viel wichtiger Wildbienen, sind nur ein kleiner, allerdings besonders sichtbarer und damit wahrgenommener Teil davon. Eine Studie von Caspar A. Hallmann und anderen Entomologinnen und Entomologen vom Oktober 2017 kommt zu dem Schluss, dass zwischen 1989 und 2015 die Biomasse an Fluginsekten über erschreckende 75 Prozent zurückgegangen ist. Das Team um Francisco Sánchez-Bayo vom Sydney Institute of Agriculture stellt in einer aktuellen weltweiten Studie fest, dass alle Ordnungen der Insekten vom Schwund betroffen sind. Fast die Hälfte aller Insektenarten gehe stark zurück, ein Drittel sei vom Aussterben bedroht. Pro Jahr gehe die Biomasse der Insekten um 2,5 Prozent zurück, schreiben die Autorinnen. Und da dazu Daten vor allem aus den Industriestaaten vorliegen, hilft auch keine Ausrede. Wenn es so weitergehen würde, könnten die Insekten in 100 Jahren ausgestorben sein. Dass zunächst vor allem die Arten betroffen sind, die besondere Ansprüche an das Ökosystem haben, ist keinesfalls eine Beruhigung.

Aber noch ist Zeit zu reagieren und selbst auf Bundesebene regt sich nun etwas. Bundesagrarministerin Klöckner fällt vor allem mit starken Sprüchen auf: was Bienen schadet muss vom Markt. Nun ja. Ein paar besonders gefährliche Pflanzenschutzmittel aus der Gruppe der Neonikotinoide dürfen nicht mehr im Freiland angewandt werden. Auch einige von der LINKEN seit Jahren geforderte und überfällige weitere Beschränkungen der Glyphosat-Anwendung – kein privater Gebrauch, Verbot in öffentlichen Parks und Sportanlagen, Verbot in Gewässernähe und in Naturschutzgebieten – wurden geregelt. Nun hat das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU) für April 2019 einen Nationalen Aktionsplan Insektenschutz angekündigt, und ein Insektenschutzgesetz. Jährlich sollen demnach 100 Millionen Euro für den Insektenschutz ausgegeben werden, davon 25 Millionen Euro für die Forschung. Glyphosat soll bis 2023 komplett verboten werden, was der Zulassungsverlängerung des Wirkstoffs für weitere fünf Jahre vom November 2017 auf EU-Ebene entspricht, die der damalige Bundesagrarminister durch seinen Alleingang in Brüssel zu verantworten hat. Zudem soll es strengere Auflagen für den Pestizideinsatz geben und bis 2050 keine Neuversiegelung mehr für Wohngebiete und Straßen.

Es ist Zeit, entschlossen zu handeln, aber mit den Landwirtschaftsbetrieben als Verbündete.