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!! ACHTUNG!! DIESE SEITE WIRD NICHT MEHR AKTUALISIERT. Bitte wenden Sie sich mit Ihren Anliegen nach dem Ende des Mandats von Dr. Kirsten Tackmann am 26.10.2021 an die aktuelle Linksfraktion im Bundestag. Für die vertrauensvolle Zusammenarbeit und konstruktive Kritik der vergangenen 16 Jahre möchten wir uns an dieser Stelle herzlich bedanken.

TOP 18 Beratung der Beschlussempfehlung und des Berichts des Ausschusses für Ernährung und Landwirtschaft (10. Ausschuss) zu dem Antrag der Fraktion DIE LINKE. „Herdenschutz ist Wolfsschutz – Jetzt ein bundesweites Kompetenzzentrum aufbauen“ (18/6327)

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Dr. Kirsten Tackmann (DIE LINKE):

Frau Präsidentin! Liebe Gäste! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ja, auch ich habe ein durchaus ambivalentes Verhältnis zum Wolf. Einerseits faszinieren mich diese Urmütter und Urväter unserer Hunde, andererseits stellen sich auch mir neue Fragen beim Hundespaziergang durch Feld und Flur und mein Brandenburger Heimatdorf: Was wäre eigentlich, wenn dort ein Wolf auftaucht? Wie müsste ich mich verhalten? Wie reagiert mein – natürlich angeleinter – Hund? Deshalb verstehe ich die Sorgen der Weidetierhalterinnen und -halter; denn gerade für sie ist die Rückkehr des Wolfes in sein ursprüngliches Verbreitungsgebiet durchaus mit ernsthaften Fragen verbunden. Andererseits gibt es aber fast überall historisch hohe Wildbestände. Die Wölfe sind also auf Nutztiere als Nahrungsquelle überhaupt nicht angewiesen, und vermutlich sorgt er sogar zumindest in einigen Fällen für gesunde Wildbestände. Dafür ist er viel geeigneter als die zweibeinigen Jäger. Er ist nämlich Teil des Ökosystems.

Seien wir einmal ehrlich: Die Rückkehr des Wolfes ist nun wirklich keine Überraschung. Ich habe mich schon vor Jahren in Sachsen schlaugemacht, wie es sich so lebt mit dem Wolf im Revier. Dort sind sie ja schon seit den 90er-Jahren wieder präsent. Am meisten hat mich, ehrlich gesagt, ein Gespräch mit einem Schäfer überzeugt. Er hielt seine Schafe zwischen mehreren Wolfsrudeln und hatte den Wolf persönlich schon 60-mal gesehen. Ja, er hat Lehrgeld gezahlt; aber am Ende war er eben klüger als die Wölfe. Er hat sich Herdenschutzhunde angeschafft, und seitdem machen die Wölfe einen großen Bogen um seine Herde.

Fazit: Ein friedliches Zusammenleben mit dem Wolf ist möglich; aber das ist kein Selbstläufer.

(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN)

Deshalb habe ich für die Linke seit Jahren mehr politische Unterstützung für die Lösung der Probleme gefordert. Es hat ein bisschen gedauert; aber inzwischen ist das Thema in der Bundespolitik angekommen. Ich fand die zwei Fachgespräche im Umweltausschuss und im Agrarausschuss sehr lehrreich. Die Hauptbotschaft dort war: Der Schlüssel für die Akzeptanz des Wolfes ist ein sicherer Herdenschutz.

Dabei muss aber völlig klar sein: Es geht nicht nur um Geld für gerissene Schafe. Auch als Tierärztin sage ich ganz klar: Weidetiere müssen vor dem Wolf geschützt werden. Ja, das ist auch eine Frage des Tierschutzes, aber eben nicht nur. Wichtiger ist, dass die Wölfe vor allem daran gehindert werden, zu lernen, dass Weidetiere eine leichte Beute sind.

(Beifall bei der LINKEN)

Deshalb müssen Weidetiere, egal ob sie berufs- oder hobbymäßig gehalten werden und egal ob es sich um Schafe, Ziegen, Mutterkühe, Pferde oder Damwild handelt, überall geschützt werden, auch auf dem Deich und in Naturschutzgebieten.

Der Schutz muss funktionieren – das ist wichtig -, bevor der Wolf durch die Region streift. Unterdessen wissen wir auch besser, wie das funktioniert. Zum Beispiel sind Herdenschutzhunde in vielen Fällen ein sehr zuverlässiger Schutz. Die AG Herdenschutzhunde hat hier wirklich Pionierarbeit geleistet; deshalb gilt ihr unser Dank.

(Beifall bei der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD)

Es ist nämlich leichter gesagt als getan: Herdenschutzhunde müssen ihre Herden bedingungslos vor dem Wolf schützen, gleichzeitig aber Menschen absolut zuverlässig tolerieren. Welche Rassen sind dafür geeignet, welche nicht? Wie müssen die Standards bei Zucht, Aufzucht und Ausbildung aussehen? Wer bezahlt das alles? Wer bezahlt den Unterhalt? Hunde sind auch nicht überall einsetzbar. Welche anderen Tiere sind möglicherweise geeignet?

Daneben gibt es noch viel mehr offene Fragen: Welchen Einfluss hat der Wolf auf die Wildbestände? Wie sollen wir das seriös bewerten, wenn wir über die Wildbestände selbst extrem wenig wissen? Was führt eigentlich zu sogenannten Problemwölfen, und wie gehen wir damit um?

Es gibt also viele Baustellen und eine klare Botschaft der Fachleute: Wir brauchen bundeseinheitliche Standards; denn was der Wolf in Niedersachsen lernt, wird er auch woanders anwenden. Genau deshalb brauchen wir ein Kompetenzzentrum des Bundes für Herden- und Wolfsschutz. Die Linke hat das seit Jahren gefordert. Union und SPD werden diese Forderung heute wider besseres Wissen leider wieder ablehnen. Ihr Dokumentations- und Beratungszentrum ist nur eine Behördendienstleistung und nicht geeignet, die Probleme wirklich zu lösen. Deshalb wird die Linke weiter kämpfen. Weihnachten ist die Zeit der Besinnung. Ich wünsche der Koalition viel Erfolg dabei.

(Beifall bei der LINKEN sowie des Abg. Friedrich Ostendorff (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN))

Die gesamte Debatte: 151217_Debatte_Wolfschutz_ist_Herdenschutz